Was die Digitalisierung für Unternehmen bedeutet

Die Digitalisierung hat sich im privaten Alltag längst durchgesetzt: Über 80 Prozent der Deutschen nutzen beispielsweise ihr Smartphone, um per WhatsApp zu kommunizieren, zu shoppen oder Streaming-Dienste zu nutzen. Unternehmen tun sich mit der Digitalisierung deutlich schwerer. Viele könnten auf der Strecke bleiben, weil sie zu spät sind oder einem falschen Ansatz folgen.

Kodak ist ein gern zitiertes Beispiel: Der Weltmarktführer im Bereich Fotografie musste 2012 Insolvenz anmelden, obwohl das Unternehmen 1975 die erste Digitalkamera erfunden hatte. Kodak scheiterte, weil es nicht konsequent auf die digitale Technologie setzen, sondern sein Geschäft mit analogen Produkten nicht gefährden wollte. Kodak hatte den disruptiven Wandel unterschätzt. 

Was macht die Digitalisierung aus?

Uber, Airbnb oder die Vielzahl neuer Fintechs illustrieren, worum es bei der Digitalisierung geht: Neue Technologien haben das Potenzial, ganze Branchen umzukrempeln und traditionelle Unternehmen und ihre Geschäftsmodelle zu verdrängen. Dabei geht es nicht nur darum, dass analoge Produkte durch digitale verdrängt werden. Der disruptive Wandel ergibt sich aus dem Potenzial der digitalen Daten und den daraus möglichen neuen Geschäftsmodellen. Physische Produkte oder Prozesse werden mit Hilfe der Informationstechnologie durch digitale Lösungen ersetzt, Geschäftsmodelle revolutioniert und Unternehmensstrukturen verändert. Der Fokus liegt immer stärker auf Vernetzung und dem Informationsaustausch zwischen Unternehmen und dem Kunden. 


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Grafik: Bitkom. 75 Prozent der Unternehmen sind offen für die Digitalisierung. Nur noch 2 Prozent lehnen sie ab.

Virtual- (VR) und Augmented-Reality-Technologien (AR) werden zwischen 2020 und 2040 bisherige Produkte, Geschäftsmodelle und Produktionsprozesse grundlegend verändern, so eine Untersuchung der TU München. (Technical University of Munich, „Impact of Virtual, Mixed, and Augmented Reality on Industries“ (2018))

„Der Anteil von Services bzw. Dienstleistungen an der Wertschöpfung nimmt seit Jahren stetig zu. Die Digitalisierung und die damit einhergehenden zur Verfügung stehenden Technologien treiben die Serviceorientierung in Unternehmen stark voran“, beschreiben die Autoren Manfred Bruhn und Karsten Hadwich den disruptiven Wandel innerhalb von Branchen und Industrien. Dem Service kommt demnach eine wachsende Bedeutung zu, weil Sachgüter in vielen Branchen immer homogener, ähnlicher und damit weitgehend austauschbar sind. „Die Unternehmen erschließen sich mit dem Auf- und Ausbau ihres Servicegeschäfts neue Umsatz- und Gewinnpotenziale, indem sie neue Leistungsangebote entwickeln und vermarkten, neue Märkte und Kunden bedienen sowie neue Geschäftsmodelle etablieren“, so die Autoren. (Manfred Bruhn und Karsten Hadwich (Hrsg.), Service Business Development (2018))

Innovation durch neue Technologien

Die Digitalisierung wird durch neue Technologien vorangetrieben. „Cloud Computing ist angekommen, künstliche Intelligenz noch nicht.“ Demnach weist Cloud Computing unter den eingesetzten Digitaltechnologien die höchste Bedeutung auf, gefolgt von Big Data Analytics. Das künftige Wachstum wird bestimmt durch das Internet der Dinge, den 3D-Druck, Virtual/Augmented Reality und sogar durch Blockchain, wenn auch auf niedrigem Niveau. Der Anteil der Unternehmen, der Künstliche Intelligenz einsetzt, ist dagegen nur von 6 auf 7 Prozent gestiegen. (Bitkom Research, Trendstudie "Unterwegs zu digitalen Welten“ (2018), vgl. auch die Deloitte-Studie: „Zukunft der Consumer Technology“ (2018))

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KPMG, Cloud Monitor 2018. 66 % der Unternehmen in Deutschland setzen auf Cloud Computing, lediglich für 13 Prozent ist die Cloud immer noch kein Thema.

Die Analysten von Gartner gehen noch einen Schritt weiter: "Die Zukunft wird davon geprägt sein, dass intelligente Geräte immer aufschlussreichere digitale Dienste überall anbieten", sagte David Cearley, Gartner Vice President. Gartner benennt Technologien wie Blockchain, Quantencomputer, erweiterte Analytik und künstliche Intelligenz, die künftig für Störungen und neue Geschäftsmodelle sorgen werden. "Wir nennen das das intelligente digitale Netz.“ (Gartner Top 10 Strategic Technology Trends for 2019 (2018)) Die digitale und physische Welt werde zu einer immersiven Welt verschmelzen. KI werde praktisch in jeder bestehenden Technologie funktionieren und völlig neue Kategorien schaffen. Machine Learning und Künstliche Intelligenz werden bereits 2022 ein Viertel der digitalen Wertschöpfung ausmachen. „Digitalisierungsentscheider, CEOs, CIOs und Produktionsleiter müssen jetzt handeln, um in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben.“ (Crisp Research, Studienreport „Machine Learning in deutschen Unternehmen“ (2018))

Unternehmen tun sich allerdings schwer mit der Menge und dem Tempo der Veränderungen. Auch die Analysten von Gartner schränken ein, dass die Veränderungsrate die Fähigkeit eines Unternehmens übersteigt, Schritt zu halten. Unternehmen sollten die Prognosen für die strategische Planung nutzen und ihre Zukunftsvision verbessern. "Unternehmen können kontinuierliche Veränderungen zu einem Gewinn machen, wenn sie ihre Vision schärfen, um die Zukunft vor der Veränderung zu sehen", sagte Daryl Plummer, Gartner Distinguished Vice President.

Warum sich viele Unternehmen mit der digitalen Transformation so schwer tun

Die gute Nachricht: Das Digitalisierungstempo in Deutschland ist spürbar gestiegen. Zwei Drittel der Unternehmen, die Waren und Dienstleistungen hauptsächlich über den physischen Kanal anbieten (sog. Non-Online-Unternehmen) haben mit der digitalen Transformation begonnen. „Sechs Faktoren scheinen den Erfolg der Ergebnisse von Projekten der digitalen Transformation zu bestimmen: Führung, Menschen, Agilität, Geschäftsintegration, Ökosystem und Wert aus Daten – Fähigkeiten, die als die digitalen Muskeln eines Unternehmens angesehen werden können.“ (Fujitsu, Global Digital Transformation Survey Report (2018)) Unternehmen, deren Digitalisierungsprojekte erfolgreich waren, weisen auf allen sechs Feldern deutlich höhere Kapazitäten auf als Unternehmen mit mäßigem oder bisher keinem messbaren Erfolg. Besonders groß ist der Unterschied bei der Agilität und den Mitarbeitern, also den Feldern, in denen sich traditionelle Unternehmen besonders schwer tun. „Sie sind auf interne Prozesse fokussiert und denken kaum an den Aufbau von Plattformen oder Ecosystemen und sie haben Mühe, ihre Organisation agil zu machen.“ (Fujitsu, Global Digital Transformation Survey Report (2018))

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Change-Management: Phasen der Reaktionen bei Veränderungsprozessen (Grafik Bitkom)

Die weniger gute Nachricht: Die digitale Transformation befindet sich je nach Unternehmensbereich und Branche auf recht unterschiedlichem Niveau. Vor allem zwischen großen und kleinen Unternehmen öffnet sich eine Schere. (Bitkom, Digital Office Index (2018))

„Als Konsument ist uns der Umgang mit digitalen Angeboten längst Gewohnheit und unsere Lust an Neuerungen ungebrochen. Doch mit der konkreten Umsetzung als Führungskraft oder Mitarbeiter tun wir uns schwer. Wir wollen die Digitale Transformation umsetzen, aber wir finden nicht so einfach den richtigen Weg. … Wer seinen Weg in der Digitalen Transformation erfolgreich gehen will, muss nicht nur einen Plan im Kopf haben, nicht nur die Technologie, Prozesse und Tools beherrschen – sondern sich auch auf eine ganz neue Kultur einlassen. Eine Kultur, in der Veränderungen Alltag sind und deshalb Schnelligkeit, Innovationskraft und das Lernen aus Fehlern Voraussetzungen zum Erfolg“, analysiert die Studie von BearingPoint „Lost in Digitalization“ (BearingPoint, Lost in Digitalization, Die Kluft zwischen Plan und Umsetzung (2018))

Es mangelt an einer Digitalstrategie

Demnach fühlt sich eine Mehrheit der Mitarbeiter nur unzureichend über die Digitalstrategie ihrer Unternehmen informiert. Mehr als jeder Dritte ist der Meinung, dass sein Unternehmen über keine Digitalstrategie verfügt. Dabei gibt es zwischen Führungskräften und Mitarbeitern ohne Führungsverantwortung eine (wahrgenommene) Informationskluft. Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung vermissen deutlich häufiger als Führungskräfte die notwendige Orientierung, wohin sich das Unternehmen entwickeln möchte, welchen Nutzen das hat und welche Implikationen sich daraus für den Mitarbeiter selbst ergeben. (BearingPoint, Lost in Digitalization)

Mehr als ein Drittel der Unternehmen hat die Transformation hin zu innovativen, nachfrageorientierten und häufig in Netzwerken organisierten Geschäftsmodellen abgeschlossen oder ist kurz davor. Allerdings steht ein knappes Drittel der Unternehmen noch immer ganz am Anfang. Auch bei der Digitalisierung der Produkte und Services gibt es wenig Fortschritte. Die Offenheit gegenüber digitalen Produkten/Services als Anwender überträgt sich nicht auf die eigene Arbeit und Entwicklung entsprechender Produkte und Services. Es fehlen das Know-how und die Strukturen dafür. „Leider bremst dabei nicht nur die Unternehmensstruktur, sondern häufig auch die IT. Sie hinkt fast unverändert mit Datensilos und starren Altsystemen weiter zeitgemäßen Anforderungen hinterher.“ (Fujitsu, Global Digital Transformation Survey Report (2018))

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Bitkom, Digitale Welten. Agiles Management ist weiterhin kaum anzutreffen: Nur 18 Prozent setzen agile Methoden regelmäßig ein; 61 Prozent verzichten darauf. Grafik Bitkom

Agiles Management ist noch unterentwickelt

Bei der Digitalisierung setzen Unternehmen vor allem auf effizientere betriebliche Abläufe und darauf, Kosten zu senken. 76 Prozent arbeiten mit entsprechenden Analysen, um betriebswirtschaftliche Entscheidungen auf einer aktuellen Datenbasis treffen zu können. „Agiles Management, einer der Schlüsselfaktoren für die schnelle Reaktion auf sich ändernde Marktumfelder, ist dagegen weiterhin kaum anzutreffen: Nur 18 Prozent setzen agile Methoden regelmäßig ein; 61 Prozent verzichten darauf.“ (Bitkom Research, Trendstudie "Unterwegs zu digitalen Welten“ (2018)) Der Anteil der Unternehmen, der großes Potenzial in der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle sieht, beträgt dagegen nur 12 Prozent, obwohl 44 Prozent einen Effekt der Digitalisierung auf das eigene Geschäftsmodell sehen. Für die Mehrheit der Unternehmen ist dieses Ziel also weiterhin nicht relevant, obwohl die zentralen Verschiebungen in der digitalen Ökonomie in den vergangenen zwei Jahrzehnte überwiegend von neuen Geschäftsmodellen ausgelöst wurden, so die Trendstudie "Unterwegs zu digitalen Welten" von Bitkom Research.



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